Unsere ersten und letzten Male: Die Kunst des Genießens

In unserem Alltag, der oft von Hektik und Routinen geprägt ist, sind wir uns der Vergänglichkeit des Momentes gar nicht mehr bewusst. Zeit ist jedoch flüchtig und kostbar. Jeder Augenblick ist einzigartig und unwiederbringlich, was ihn umso wertvoller macht. Ist der Gedanke nicht erstaunlich, dass unser Herz irgendwann zum ersten Mal geschlagen hat? Aus einem…

In unserem Alltag, der oft von Hektik und Routinen geprägt ist, sind wir uns der Vergänglichkeit des Momentes gar nicht mehr bewusst. Zeit ist jedoch flüchtig und kostbar. Jeder Augenblick ist einzigartig und unwiederbringlich, was ihn umso wertvoller macht.

Ist der Gedanke nicht erstaunlich, dass unser Herz irgendwann zum ersten Mal geschlagen hat? Aus einem Knäuel an Zellen hat sich ein kleines Wesen herangebildet. Auf dem Ultraschall konnte man die ersten Bewegungen, das erste Pulsieren des Herzens, genau erkennen. Das Zeichen für ein neues Leben. Eines Tages wird dieses ehemals so kleine Herz ein letztes Mal schlagen.So viele erste und letzte Male liegen dazwischen. Das erste Schokoladeneis. Der erste Mietvertrag. Das erste Mal Riesenrad fahren. Das erste Mal die Füße ins Meer halten. Der erste Kuss. Der letzte Kuss. Der letzte erste Kuss. Wir wissen nicht, wann aus diesen ersten Malen letzte Male werden. 

Sie schleichen sich ganz heimlich still und leise an. Wir merken sie gar nicht. 

Man sitzt mit Freunden zusammen bei einem Kaffee, mit denen man gerade sechs Semester den Hörsaal in der Uni geteilt hat. Trotz aller Treueschwüre eines Wiedersehens, ist dies der letzte gemeinsame Kaffee. Nach dem Studium zieht man in verschiedene Himmelsrichtungen und die Lebenswege entwickeln sich auseinander. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aus Freunden sind unbewusst Bekannte geworden.
Beim Familienbesuch hat man die kleine Nichte auf dem Arm und singt ihr allabendlich “LaLeLu” vor, bis ihre Augen nachgeben und sie eingeschlafen ist. Unversehens erzählt sie von ihren Erlebnissen im Kindergarten und den Hausaufgaben in der Schule. Ohne es zu wissen, hat sie irgendwann dazwischen ein letztes Mal auf dem Arm den schrägen “LaLeLu”-Klängen der Tante gelauscht.
Am Bahnsteig wartet man, bis der Zug einfährt und er einen an das gewünschte Ziel bringt. Bevor man den Bahnhof betritt, nimmt man sich in der Lieblingsbäckerei einen Kaffee und Reiseproviant mit. In der Bahnhofsbuchhandlung deckt man sich mit ausreichend Lektüre für die nächsten Stunden ein. Alle Schritte geht man wie gewohnt, aber irgendwann hat man sie zum ersten Mal gemacht. Trotz der Gewohnheit bleibt bei jeder Reise diese Spannung. Ist die Sitzplatzreservierung vorhanden, wem begegnet man heute, hält der Zug am richtigen Gleis, kommt der Zug überhaupt? Und plötzlich ist da diese Pandemie. Zug fahren – undenkbar. Unwissentlich hat man ein letztes Mal am Bahnsteig gewartet.

Würden wir all diese Dinge, die Begegnungen, die Erlebnisse anders wahrnehmen, wenn wir wüssten, es ist das letzte Mal? Würden wir den Gesprächen mit Freunden aufmerksamer folgen? Würden wir versuchen, nicht so schief zu singen und die kleinen Fingerchen einmal mehr streicheln? Würden wir dem Zugbegleiter ein netteres Lächeln schenken und trotz der Verspätung freundlicher sein?

Wir sollten sie vollends genießen, diese Momente, die uns geschenkt werden. Denn jedes Ereignis, jedes Gespräch, jede liebevolle Geste könnte unausweichlich zu einem unserer ersten oder letzten Male werden. Heute, morgen, übermorgen.

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